In den letzten Tagen konnte ich nicht NEIN sagen und kann nun meine ersten Gehversuche mit einer Panasonic GH3 unternehmen. Bereits nach den ersten Fotos war klar, diese Kamera fühlt sich nicht nur fast wie eine Nikon D7000 an, sie liefert auch eine vergleichbare Bildqualität. Im Gegensatz zur Nikon D7000 beträgt der Verlängerungsfaktor 2,0. Das liegt daran, dass der Chip der GH3 der Micro-Four-Thirds Spezifikation genügt und damit etwa 1/4 der Größe eines 35mm Kleinbildes hat. Stolze Besitzer von Kameras wie der Nikon D3, D4, D600, D610, D700, oder D800 sprechen gern vollmundig vom „Vollformat“ und rühmen das große Sucherbild und die eng begrenzte Tiefenschärfe ihres Kamerasystems.
Wenn sie ganz ehrlich sind, ist es aber immer noch das 35mm Kleinbildformat das wir seit vielen Jahrzehnten kennen. Echtes „Vollformat“ bieten meiner Meinung nach nur Kameras wie bspw. die Mamiya RZ-67 oder die Vertreter des berühmten Hasselblad V-Systems. Mit 6 x 7 cm und einer daraus resultierenden Bildfläche von 42 cm² ist die Mamiya einer der „Weltmeister“ im Mittelformat. Beim Filmformat von 6 x 6 cm einer Hasselblad ergeben sich 36 cm² Bildfläche. Ein Vollformatchip einer „Vollformatkamera“ bringt es mit rund 24 x 36 mm gerade einmal 8,64 cm².
Der DX-Chip einer Nikon D7000 hat 23,6 x 15,6 mm und damit eine Bildfläche von 3,68 cm². Der Micro-Four-Thirds (MFT) Chip der Panasonic GH3 misst 17,3 x 13mm und erreicht damit nur noch eine Bildfläche von 2,249 cm². Aus dieser geringen Sensorgröße ergibt sich zwangsläufig, dass die ISO-Empfindlichkeit nicht so gut sein kann wie bei einer „Vollformatkamera“ mit identischer Auflösung. Für Fotos in dunkler Umgebung ist eine MFT-Kamera wie die Panasonic GH3 also grundsätzlich etwas weniger gut geeignet als beispielsweise eine Nikon D4 mit vergleichbaren 16 Megapixeln auf der 3,84-fachen Sensorfläche. Da beisst die Maus keinen Faden ab – würde man in Hamburg sagen. Eine etwas unbequeme Wahrheit über die stolze Besitzer einer Systemkamera wie der Panasonic GH3 nur ungern diskutieren.
Aber wo viel Licht ist, da ist auch Schatten! So sind die Objektive mit denen man eine Nikon D4 oder gar D800 wirklich ausreizen kann exorbitant teuer und in der Regel schwer wie Blei. Wer auf Reisen fotografiert und das im „Vollformat“ erledigen möchte steht regelmäßig vor dem Problem, dass die Fototasche zu schwer für das Handgepäck im Flugzeug ist und dass man von all den schönen tollen Objektiven letztlich nur 3-4 Exemplare mit auf die Reise nehmen kann weil alles andere zu Problemen mit dem Handgepäck führt. Wer auf Reisen dann noch weite Wanderungen zu erlesenen besonders coolen Fotolocations unternehmen muss, der wird seine geliebte schwere „Vollformatkamera“ und all ihr Zubehör irgendwann verfluchen.
Ich selbst bin ein Vertreter dieser „Vollformat-Spezies“. In den letzten Jahren konnten die Chips meiner Kameras gar nicht groß genug sein und meine Maxime beim Objektiv-Kauf war stets „Mehr ist Mehr“. Doch spätestens seit den extrem guten Erfahrungen mit den wunderbar kompakten Kameras des Nikon 1 Systems hat bei mir ein Prozess des Umdenkens eingesetzt. Im Mai soll es für knapp 5 Wochen in die USA gehen und ich überlege schon seit Wochen hin und her was diesmal mit in die Fototasche darf. Bei der letzten Reise nach Teneriffa sah meine Fototasche noch so aus wie in diesem Video hier:
Am Ende dieser Reise musste ich feststellen, dass ich mehr mit den kleinen Nikon 1 Kameras als der großen schweren Nikon D800E fotografiert habe. Allerdings habe ich mit der D800E die mit Abstand besten Fotos all meiner Teneriffa-Reisen aufgenommen.
Hier ein Beispiel:
Für die nächste Reise plane ich daher meine D800E mit nur zwei oder maximal drei Objektive einzupacken und alle schweren großen Objektive daheim zu lassen. Statt der beiden Nikon 1 und der auf Infrarot 830nm umgerüsteten Nikon D300 werde ich die Panasonic GH3 und einige der wunderbar kompakten MFT-Objektive mitnehmen.
Eines der wichtigsten Argumente der „Vollformat-Fans“ ist die erzielbare geringe Tiefenschärfe. Eigentlich ist es eine etwas paradoxe Diskussion, denn noch vor einigen Jahren haben viele „Kleinbild-Fotografen“ noch alles getan um ein Höchstmaß an Tiefenschärfe und Abbildungsqualität zu erzielen. Aber das Marketing der großen Kamerahersteller hat seine Wirkung nicht verfehlt und so schaut man derzeit mehr auf das Bokeh, also die Hintergrundunschärfe einzelner Objektive. Sieht man sich die für das MFT-System lieferbaren Objektive an, so sind sie meist relativ lichtschwach, dafür aber kompakt leicht und relativ preiswert. „Lichtriesen“ sind im MFT-System eher die Ausnahme. „Lichtriesen“ sind Objektive mehr hoher Lichtstärken deren Offenblende zwischen 1,8 und 1,2 liegt. Hier gilt die alte Regel, je höher die Lichtstärke, desto ausgeprägter ist die Hintergrundunschärfe und desto teurer sind meist die Objektive.
Eine Ausnahme dieser Regel bildet das Panasonic 1.7/20mm Pancake Objektiv. Der Preis ist moderat, die Abbildungsqualität überragend, die Verzeichnung kaum wahrnehmbar und Baugröße und Gewicht wirklich gering. Dieses winzige und sehr praktische Objektiv konnte ich gestern erstmals in Ruhe ausprobieren. Hier habe ich eine Werbe-Puppe die im Eingang zum Bonner City Foto Center steht mit offener Blende fotografiert. Es ist kein Kunstwerk aber es zeigt die Abbildungsleistung dieses Objektivs bei vollständig geöffneter Blende und das schöne Bokeh. Man beachte hierzu die Abbildung der Lampen im Hintergrund.
Und weiter geht die kleine Entdeckungsreise mit vollständig geöffneter Blende und 20mm Brennweite die an einer „Vollformatkamera“ einem 40mm Objektiv entsprechen würden. Sehr cool sind hier die Spiegelungen in den Gesichtern dieser verchromten Schaufensterpuppen! Man beachte auch, dass diese folgenden Fotos durch eine Schaufensterscheibe hindurch aufgenommen wurden und das eben bei vollständig geöffneter Blende!
Sehr schön ist im nächsten Foto die Spiegelung in einer der vielen Oberflächen des abgewinkelten Schaufensters. Das kleine Kind an der Hand der Mama sieht aus als hätte es wie ich gerade ebenfalls diesen coolen „Geist“ entdeckt.
Hier zwei etwa 50cm hohe Figuren die etwa 50cm hinter dem Schaufenster aufgestellt waren. Auch hier ermöglicht es das kleine Pfannkuchen-Objektiv (Pancake) das Hauptmotiv sehr schön vom Hintergrund abzuheben.
Hier ein Foto das direkt vor dem Bonner City Foto Center entstanden ist. Trotz offener Blende ist es knackscharf, nicht sichtbar vignettiert und zeigt keinerlei Verzeichnung. Alle Häuserwände stehen wirklich bolzengerade, das ist beeindruckend!
Hier noch ein Blick auf eine der Kostbarkeiten im Schaufenster des City Foto Centers, ebenfalls bei vollständig geöffneter Blende!
Besonders im Nahbereich ist mit diesem Objektiv ein sehr ausgeprägtes Spiel mit der Unschärfe im Vorder- und Hintergrund möglich.
Zum Schluss noch ein Bild das bei Blende 4 und 1/125s entstanden ist. Hier sieht man das genaue Gegenteil, alles ist scharf bis in die letzte Ecke, das geht also auch 🙂
Fazit:
Mit dem 1.7/20mm „Pancake“ ist Panasonic ein großer Wurf gelungen. Dieses Objektiv ist extrem leicht und kompakt und lässt unter optischen Aspekten keine Wünsche offen. Dank des im wesentlichen von Panasonic und Olympus entwickelten Micro-Four-Thirds Standards passt dieses Objektiv an vielen hervorragenden Systemkameras und ist damit ein echter Kauftipp!
Alles was mir bei den Kameras den Nikon 1 System fehlt hat bringt die Panasonic GH3 von Haus aus mit.
- Schwenkdisplay
- Touchdisplay
- Braketing (Belichtungsreihen)
- WiFi
- Batteriegriff
- Standard-Blitzschuh
- OLED-Displays
- Powerzoom via WiFi und Touch-Display
- Anschluss für Kabelauslöser
Schaut man in den Sucher der Panasonic GH3 so sieht man ein helles scharfes Sucherbild, das mit einer „Vollformatkamera“ durchaus mithalten kann. Dank der OLED-Technologie verbrauchen Sucher und Display der GH3 sehr wenig Energie, so dass der Strom der Akkus für viele hundert Bilder ausreicht. Verwendet man bspw. den Novoflex Objektivadapter für das Nikon F Bajonett, so kann an der Panasonic GH3 wirklich jedes Objektiv mit Nikon Bajonett angeschlossen und genutzt werden. Auf Autofokus und Bildstabilisator muss man dann allerdings verzichten! Besonders bei Video-Aufnahmen ist dies aber kaum ein Nachteil.
Zusammenfassend könnte man sagen, dass die Panasonic GH3 alles kann was ich mir von einer Nikon 1 V3 wünschen würde. Im Gegensatz zur Nikon 1 V3 ist sie allerdings seit einem Jahr zum Preis von ca. 950 Euro (Body mit Akku und Ladegerät) lieferbar. Angesichts der Qualitäten dieses Systems fällt es mir also nicht schwer ausnahmsweise einmal „Fremd zu gehen“ und in meiner Fototasche Dinge unterzubringen die nicht in goldenen Pappkartons geliefert werden 🙂





















