La Gomera – Mirador Abrante

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Als ich aufwache ist Tag 101 von 100 Tagen bereits seit mehr als 8 Stunden Realität, krass! Nach dem Frühstück will ich mir einige neue Orangen kaufen, da stehe ich im Augenblick total drauf weil sie hier einfach unglaublich gut schmecken. An meiner Fuji X-T1 ist noch das XF 1,2/56mm von der abendlichen Fotosession in meinem Appartement montiert. Es gibt keinen Grund es zu wechseln und so schnappe ich mir etwas Geld, einen Einkaufsbeutel und meine Kamera und mache mich auf den Weg zum Supermarkt.

Weit komme ich nicht, denn da steht sie allein auf der Straße, meine treue Begleiterin auf nunmehr rund 12.000 Kilometern. Schnell ein Foto, das hat sie sich verdient… Bereits beim Blick durch den Sucher bin ich mehr als angetan davon wie wunderbar sich auch große Objekte wie dieses Motorrad mit dem 1,2/56mm freistellen lassen. Eine perfekte Brennweite für schöne Portraits!

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Etwas weiter unten komme ich an der mehr als 400 Jahre alten „Keimzelle“ des Ortes Hermigua vorbei. Das ist mir ein Foto wert, auch wenn man die Häuser nur von hinten sieht.

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Beim Blick nach Oben sehe ich wieder Pedro y Petra, schnell noch ein Knipsbild gemacht, es ist ja so einfach…

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Während ich später mit meinen Einkäufen den Berg hinauf spaziere, sehe ich Luis beim Molino de Gofio stehen. Einige meiner Facebook-Freunde haben mich um eine Postkarte gebeten. Die 10 Postkarten die ich gekauft hatte sind inzwischen alle vergeben, also kaufe ich noch ein kleines Päckchen nach. So ist auch Gelegenheit für einen kurzen Plausch mit Luis. Für meinen Sohn Leon kaufe ich eine ganz besondere Karte, denn er ist etwas ganz besonderes für mich. Leon bekommt eine 3D Postkarte die so richtig cool ist. Schaut man sie an möchte man meinen sie sei mehrere Zentimeter dick. Hat man sie in der Hand fühlt man sich veräppelt, denn sie ist genauso dünn wie andere Postkarten auch. Dieser optische Trick ist sehr gut gelungen!

Obwohl die Wolken tief hängen, entschließe ich mich am Nachmittag schnell zur Tankstelle zu fahren und unterwegs das Wetter zu checken. Während der Sprit in dem fast trockenen Tank rinnt beginnt es um mich herum leicht zu tröpfeln. Es sind lockere 25°C, da ist ein leichter Regen nicht wirklich schlimm. Aber ich habe nur eine kurze Hose und ein T-Shirt am, das ist gerade jetzt ein bisschen zu wenig. Außerdem habe ich mein Stativ in meinem Appartement vergessen. So geht es zurück, schnell umziehen und gleich wieder los. Bei Agulo hört es auch schon auf zu regnen, aber die Straßen sind nass und mit meinen abgefahrenen Reifen ist jetzt Vorsicht geboten.

Mein Ziel des Tages ist der Mirador Abrante. Am Vortag habe ich für meinen guten Freund Anastasios eine Postkarte geschrieben. Als ich sie mir ansah, waren dort der Ort Agulo und im Hintergrund Teneriffa sehr schön zu sehen. Es hat ein Weile gedauert bis mir auffiel, dass dieses Foto hoch oben auf dem Felsen über Agulo entstanden sein muss. Also habe ich die Karte umgedreht und abgesucht und tatsächlich, es stand der Name des Ortes darauf an dem dieses Foto entstanden ist.

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Und eben diesen Mirador Abrante will ich versuchen heute zu finden. Bei genauerer Überlegung ist mir jetzt auch klar, welches Licht ich bei der letzten nächtlichen Fotosession oberhalb von Agulo hoch oben über mir an der Felskante gesehen habe. Das muss genau dieser Mirador gewesen sein.

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In der Liste der POIs auf meinem TomTom Rider finde ich diesen Aussichtspunkt einfach nicht. So kann ich nur die Karte etwas hin und her schieben und versuchen den Punkt zu markieren, an dem ich diesen Mirador vermute. Es geht los, es sollen nur etwa 20 Kilometer sein, kaum mehr als ein Katzensprung. Einige wenige Kilometer oberhalb von Agulo muss ich recht heftig in die Bremsen, dort kommt ein ganze Horde Touristen über die Straße gelaufen. Es wird eine Weile dauern bis mir klar werden wird, dass sie zu Fuß von genau diesem Mirador Abrante kommen und jetzt in ihren Reisebus einsteigen wollen.

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Statt hier abzubiegen, nehme ich etwa 100 Meter weiter einen Abzweig nach links und folge der Straße. Es wird enger und enger und immer abenteuerlicher. Längere Abschnitte mit Schotter, tiefen Schlaglöchern, das ganze Programm. Irgendwann kurz vor dem Ende meiner Route soll ich hart nach links in einen Wanderweg abbiegen. Hallo? Ok, das TomTom hatte mich gewarnt, dass mein Ziel auf einer nicht gepflasterten Straße liegen würde. Dass ich mit meiner Planung völlig falsch liegt, das wird mir erst in diesem Augenblick klar. Aber die Landschaft ist gerade sehr schön. Ich bin ganz allein hier unterwegs, warum nicht einfach schauen wo ich lande? Also folge ich dem Asphalt und fahre immer weiter der Nase nach. Schließlich stehe ich an einem großen T. Links und rechts von mir hängen Ketten, Privatgrundstücke. Hier geht es nicht weiter! So steige ich kurz ab, mache ein paar Fotos mit meiner GoPro und krame mein Smartphone aus dem Tankrucksack.

Sehr cool, ich habe hier ein Netz, wenngleich die Datenverbindung in Edge-Qualität sehr langsam ist. Aber es geht und so kann ich bei Google-Maps in Ruhe schauen wo dieser verflixte Mirador Abrante denn nun zu finden ist. Es dauert nicht lang, bei Google Maps ist er verzeichnet. Letztlich finde ich in meinem TomTom eine „Straße ohne Namen“ die mich sehr wahrscheinlich zu eben diesem Mirador führen wird. Schnell wenden und zurück…

Die Landschaft ist wirklich urig und vielleicht liegt es am ganz leichten Nieselregen, dass sie so besonders auf mich wirkt.

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Ich halte immer wieder an, denn es gefällt mir hier so richtig gut. Mehr zum Spaß nehme ich ein Foto des Hinterreifens meines Motorrades auf. Dieses runde Gummi ist schon 12.000 Kilometer um die Welt gerollt und hat noch immer etwas Profil, wenn es auch echt wenig ist und man diesen Reifen jetzt langsam mal wechseln müsste. Aber etwas ist noch da und noch kann man damit recht gut fahren. Nur auf schnelle Experimente will ich mich damit auf den glitschigen Straßen nicht einlassen. Also fahre ich heute sehr vorsichtig und komme eben einen Augenblick später an, was soll’s?

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Als ich die Stelle erreiche an der zuvor die beiden großen Reisebusse gestanden haben, weist mir mein TomTom den Weg nach rechts. Jetzt ist es nicht mehr weit und der Mirador ist schnell gefunden. Der letzte Teil des Weges war früher nur ein Schotterweg. Inzwischen hat man hier eine rot eingefärbte Straße betoniert, sehr praktisch für Biker die wie ich mit weitgehend abgefahrenen Straßenreifen unterwegs sind.

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Der Mirador wurde von der Fährgesellschaft Fred Olsen eingerichtet. Steht man auf dem Parkplatz hört man das sonore Brummen eines Stromaggregates. Hier gibt es also auch keinen Stromanschluss, es ist irgendwie ja auch das „Ende der Welt“, fast so wie beim Castillo del Mar um Strand von Vallehermoso. In diesem Mirador gibt es einen ganz kleinen Skywalk aus 10mm dickem Spezialglas. Es ist schon witzig darauf herumzulaufen, leider ist er wegen des Regens von den vielen Touristen völlig verdreckt und müsste erst wieder frisch gewischt werden bis er wirklich angsteinflößend wirkt.

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Vor dem Restaurant treffe ich noch ein nette Familie aus Oberhausen. Sie sind für 14 Tage auf La Gomera und haben gestern einen ersten Tag auf Teneriffa verbracht. Sie sind morgens mit der Fähre übergesetzt und am Abend wieder zurück gefahren. Auf meine Frage „Und wie hat es Euch gefallen?“ bekomme ich ein „Es war voll, viel zu voll!“ zu hören. Das habe ich nun schon oft gehört. Man muss Teneriffa etwas kennenlernen. Erst wenn man die schönen Ecken dieser recht großen Insel gefunden hat, wird man beginnen sie zu mögen. Wer hier nur kurz reinschnuppert und ein wenig auf der Autobahn durch den kargen trockenen Süden der Insel fährt, der wird ein ziemlich verzerrtes Bild mit nach Hause nehmen und möglicherweise kein zweites Mal zu Besuch kommen.

Der Mirador ist wirklich schön gestaltet und mir gefällt die etwas „windschiefe“ Architektur sehr gut. Doch es nutzt nichts, der Regen wird stärker und bevor ich total durchgeweicht bin, verabschiede ich mich von den drei Oberhausenern und mache mich wieder auf dem Rückweg nach Hermigua.

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Schaut man sich meinen mit dem TomTom aufgezeichneten Track via Google Earth an, so  sieht man sehr schön wie ich mich in Richtung Los Aceviños verfahren habe.

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In dieser Grafik sieht man sehr gut die wunderbar exponierte Lage des Miradors oderhalb von Agulo.

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Am Ende des Tages bin ich froh, den Mirador nicht auf Anhieb gefunden zu haben, denn so konnte ich wieder ein wenig „aktive Heimatkunde“ betreiben. Der Mirador selbst bietet einen atemberaubenden Ausblick. Leider wird er abends um 18h geschlossen. Ob man das Gelände dann noch betreten kann weiß ich nicht. Es wäre sicher cool in einer sternenklaren Nacht hier oben mit einem schönen Weitwinkel zu stehen und den Blick hinüber nach Teneriffa festzuhalten. Heute ist Mittwoch und ich muss am Sonntag schon wieder weiter. Also werde ich dieses Unterfangen entweder in den kommenden Tagen oder gegebenenfalls erst bei einem erneuten Besuch irgendwann in ferner oder näherer Zukunft in Angriff nehmen können. Lohnenswert wäre es, da bin ich mir sicher. Aber das Wetter müsste perfekt mitspielen, wobei man wieder an dem Punkt angekommen wäre, dass man dort wo man lebt häufig die besten Fotos machen kann, einfach weil man dort viel Zeit verbringt und in Ruhe auf den perfekten Moment warten kann.

So ist das beispielsweise beim Fotografen Michael Fatali aus Page/Arizona oder bei Tom Till aus Moab/Utah. Häufig muss man gar nicht weit reisen um geniale Landschaftsfotografien aufnehmen zu können. Viel wichtiger als der atemberaubende völlig einzigartige Ort ist der richtige Moment. Im richtigen Moment sehen alle halbwegs ansprechenden Motive genial aus. Die Herausforderung in der Landschaftsfotografie besteht darin, genau diesen Moment zu erwischen. Nur so wird aus einem Foto letztlich ein atemberaubendes Kunstwerk. Hat man den perfekten Moment nicht erwischt, wird man nächtelang mit Photoshop an seinen Fotos herumwerkeln können und letztlich damit doch keinen Blumentopf gewinnen.

Ich selbst habe während dieser Reise leider noch nicht einmal das Gefühl gehabt ein tolles Motiv im perfekten Moment fotografiert zu haben. Viele Fotos sind nett, manche ganz schön, aber auch nach 100 Tagen ist keines dabei das ich als „besonders“ einstufen würde. Und genau hier ist die Grenze zwischen erfolgreichen Profis und ambitionierten Amateuren. Die Profis geben sich nicht mit annähernd guten Bildern zufrieden die sie nachts mit Photoshop aufgepeppt haben.

  • Amateurs worry about equipment.
  • Professionals worry about money.
  • Masters worry about light.

In dieser einfachen Fotografenweisheit steckt so viel Wahrheit, dass es mich manchmal fast schmerzt. Denn wenn man ständig unterwegs ist und mal hier und dort eine Stippvisite hinlegt, wird man als Landschaftsfotograf kein Motiv jemals wirklich perfekt einfangen können. Da hilft die teure Kamera nicht, und da hilft auch keine Software zur „Bildverbesserung“, das klingt traurig, bleibt aber dennoch die Wahrheit. Ganz gleich was man alles mitschleppt und welchen Aufwand man auch betreibt, wie weit die Wanderungen sein mögen und wie entlegen die Fotolocations sind, ohne gutes Licht und den perfekten Moment wird jedes Foto nur eines unter vielen sein. Zwar nett und ambitioniert, mehr aber leider nicht.

Für mich habe ich dies schon vor einigen Jahren erkannt. Solange ich mit „normaler Arbeit“ meinen Lebensunterhalt verdienen muss, werde ich niemals eine wirklich atemberaubende Landschaftsfotografie aufnehmen können. Das Problem ist, dass ich die für wirklich gute Fotos erforderliche Zeit Recherche, Anreise, und das Warten auf den perfekten Moment nicht aufwenden kann. Damit habe ich mich schweren Herzens inzwischen abgefunden.

Das Buch zum Abenteuer

Mein Buch zu dieser spannenden Fotoreise gibt es bei amazon.de als Kindle eBook zu kaufen. Auf 573 Seiten gibt es die vollständige Geschichte sowie 200 farbige Fotos, einige Karten und viele Tipps zum Thema Fotografie.

100DaysOfFreedomCover

Für alle die gern selbst mit ihrem Motorrad auf die Kanaren reisen wollen, habe ich ein Reiseratgeber geschrieben. Dieses Buch kann zum Preis von nur 1,99 Euro bei amazon.de als E-Book für den Kindle eReader oder die Kindle Lese-App gekauft werden.

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