Bildaufbau für Dummies

Vor einigen Wochen habe ich Euch im Artikel „Fotografieren nicht knipsen“ versucht einige grundlegende Tipps für das Fotografieren auf Reisen zu geben. Heute wollen wir dieses Thema ein wenig vertiefen.

Was zeichnet ein gutes Fotos aus?

Das ist ein komplexes Thema zu dem schon viele dicke Bücher geschrieben wurden. Wer keine Lust hat diese Bücher zu lesen und trotzdem eine eigene Bildersprache entwickeln möchte, der könnte sich bei einigen anerkannt guten Vorbildern orientieren. Es ist gar keine schlechte Idee mal ein Museum zu besuchen und sich einige der alten Meister in aller Ruhe anzusehen. Fühlt man sich von einem Bild besonders angesprochen, sollte man verweilen und überlegen was an diesem Bild besonders ist. Viele bedeutsame Maler haben nicht einfach drauf los gemalt sondern sind mit Sinn und Verstand an ihre Bilder herangegangen, schließlich waren Farben und Leinwände schon immer wirklich teuer.

Wer keine Lust auf ein Museum hat, kann sich beispielsweise bei WikiPaintings.org viele Gemälde alter Meister völlig kostenlos anschauen.

www.wikipaintings.org

Als passionierter „Landschaftsknipser“ sprechen mich beispielsweise Bilder von Claude Monet sehr an. Einige habe ich für Euch heraus gepickt und würde gern ein paar Worte dazu sagen.

Beginnen wir mit einer einfachen Szene auf dem Land. Ein Mann trägt auf dem Rücken Brennholz nach Hause. Damit erzählt das Bild schon eine kleine Geschichte. Monet hat das Spiel von Licht und Schatten wunderbar in sein Bild integriert. Der Horizont liegt im unteren Drittel des Bildes, ein kleiner Weg lenkt das Auge in den Wald hinein. Der Man kommt auf den Betrachter zu in steuert schnurstracks die linke untere Bildecke an. Die Wolken spiegeln den Verlauf der Bäume, es ist ein „Schwung“ von oben links nach unten rechts. Alles in allem ein einfaches stimmiges Bild mit einem Bildaufbau der sehr einfach nachvollzogen werden kann. Wer sein nächstes Foto im herbstlichen Wald so gestaltet macht also nichts verkehrt!

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Schauen wir uns das nächste Beispiel an. Die Szenerie ist völlig anders, aber es gibt viele Gemeinsamkeiten.

Achtet mal darauf:

  • Wo ist der Horizont?
  • Welche Diagonalen prägen den Bildaufbau?
  • Wo hat Monet das bildwichtige Motiv, das gestrandete Schiff angeordnet?

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Auch das nächste Bild ist ein Motiv wie man es in den nächsten Wochen wird finden können. Der große dunkle Baum dominiert das Bild, er ist an der Schnittkante des mittleren und rechten „Bild-Drittels“ angeordnet. Teilt man das Bild in Gedanken in neun gleich große Teile auf, so hat der Baum seinen Ursprung in der unteren rechten Ecke des „mittleren Neuntels“.

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Nun wieder ein Bild am Meer, der Grundlegende Aufbau ist ganz ähnlich, beide Bilder dominiert eine (gedachte) Diagonale von unten links  nach rechts. Der „Horizont“ ist in gleicher Weise angeordnet, der Schaum der Welle läuft exakt in die linke untere Bildecke. Die Menschen beleben das Bild und sie scheinen ein klares Ziel zu haben.

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In der Landschaftsfotografie braucht man oft viele Anläufe bis man ein Motiv zur besten Jahreszeit beim besten Licht eingefangen hat. Das war zu Zeiten von Claude Monet nicht anders. Auch er hat sich viele Motive immer wieder vorgenommen und sich ihnen zu unterschiedlichen Jahreszeiten genähert.

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Achten mal auf den Fluchtpunkt, welcher Baum ist der dickste, wo ist er angeordnet, wie ist der Schattenwurf?

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Nun eine Szene in einem Hafen, was fällt Euch hier auf? Wo ist der Horizont, welches Schiff ist das größte? Gibt es Menschen die mit ihrer Körpergröße die Dimensionen der anderen Objekte des Bildes „erklären“. Sind da etwa Möwen im Bild?? Wie sehen die Wolken aus, ziehen sie in die gleiche Richtung in die auch die Boote segeln?

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Claude Monet hat sehr häufig Menschen in seine Bilder integriert. Im folgenden Bild gibt der Mann mit seiner Zeitung dem Bild erst die richtige Aussage. Was wäre dieses Bild ohne den Mann und seine Zeitung wert? Er dieses „Objekt“ erklärt die Szenerie, es ist ein warmer Sommertag, die Vögel singen und im Schatten lässt es sich bei einer Zeitung verweilen – ein Bild und fast schon wieder eine kleine Geschichte.

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Im nächsten Bild sehen wir eine Frau mit Sonnenschirm im weißen Kleid. Wo hat Monet sie positioniert, in der Bildmitte? Weist ihr Schatten zum Bildrand oder zur Bildmitte? Wie wäre die Aussage wenn die Frau rechts angeordnet wäre? Wo liegt der „Horizont“?

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Hier scheint sich die Dame bei einem Buch im Schatten unter einem Baum etwas auszuruhen und den schönen Tag zu genießen. Schaut sie grinsend ins Bild, reckt sie lasziv die Arme hoch und streckt ihre Brüste heraus? Nein sie ist konzentriert und kurz davor mit der linken Hand zur nächsten Seite umzublättern. Ihre Pose ist zu 100% authentisch, fast als hätte der Maler sie heimlich beobachtet und sie ihn gar nicht bemerkt.

Beim nächsten Shooting mit Eurer Freundin könntet Ihr kurz an dieses Bild denken. Vielleicht fotografiert Ihr Eure Herzdame mal bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, in Gedanken versunken, ohne für die Kamera zu posieren…

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Nun wieder eine Winterlandschaft, ähnliche Motive sind so fern ja auch nicht mehr 🙂 Wenn man dieses Bild in Gedanken in neuen gleich große Teile aufteilt, so „zielt“ der Verlauf der Straße auch hier auf die untere rechte Ecke des mittleren „Neuntels“. Achtet auf den Verlauf der Zäune. Links läuft die Straße perfekt in der unteren Bildecke aus. Rechts weisen die Fußpunkte der Holzpfosten auf die andere Bildecke. Die beiden Menschen geben dem Bild den letzten Schliff. Ein einfaches Bild, aber es ist mit „Grips“ gemalt!

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Und jetzt IHR…

Ok, bei den nächsten vier Bildern könnt Ihr selbst einmal überlegen was Euch auffällt. Über eine Diskussion mit anderen Lesern würde ich mich sehr freuen. Benutzt einfach die Kommentarfunktion – ich bin wirklich gespannt wer sich traut etwas dazu zu schreiben!!

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3 thoughts on “Bildaufbau für Dummies

  1. Vielen Dank für Deine Gedankenzüge und Erklärungen.

    Wer sich für dieses Thema interessiert sollte sich mal die Bücher von Martin Zurmühle anschauen. Er beschreibt in seinem sogenannten „4 Augen Modell“ genau die Aspekte warum ein Bild/Foto ein Hingucker ist (Die Magie der Fotografie oder das Geheimnis herausragender Bilder – Bildanalyse). http://www.4augen-verlag.com/

    Für gute Bilder sollte man ein paar Dutzend grundlegende Regeln kennen und diese passend anwenden. Für hervorragende Bilder sollte man möglichst viele Regeln kennen um diese gezielt anzuwenden oder bewusst zu brechen. Keine einfache Angelegenheit. Nur wenigen hervorragenden Fotografen gelingt das.

    Gefällt mir

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